Ein eindrückliches Paar, das sich in der Sexualität nie begegnete

Ich liege auf dem Sofa, geniesse einen terminlosen Fernsehabend und zappe durch das gesendete, belanglose Einerlei. Plötzlich bleibe ich bei einem Bericht fasziniert hängen, starte die Sendung, dank Comeback-TV, neu und versinke darin:

Eine sympathische Reporterin platziert ein Wohnmobil in 3 verschiedenen Schweizer Städten, geht durch die Fussgängerzonen und fragt die Menschen nach ihrer Sexualität. Viele rauschen vorbei, viele geben kurzangebunden Auskunft und dann stechen ganz besondere Menschen hervor, die ihr interessantes erotisches Leben in der gemütlichen Abgeschiedenheit des Wohnmobils schildern. Ich lausche den Erzählungen über offene Beziehungen, homosexuelle Liebe, BDSM, Swinger, Polyamorie u.v.m. Jeder hat seine ganz eigene Lebensgeschichte, die mich in den Bann zieht. Ich schaue in die Gesichter der erzählenden Menschen und nehme so viele Emotionen wahr, die mich sehr bewegen.

Dann stellt die Reporterin einem sehr alten Paar, das sicher über 80 sein muss und Hand in Hand durch die Stadt spaziert, die Frage, ob sie über ihre Erlebnisse in der Sexualität sprechen wollen? Die zwei schauen einander an. Auf dem Bildschirm werden die drei beteiligten Personen gezeigt: die gespannt wartende Reporterin, das Paar, das sich unentschlossen ansieht, um das Für und Wider abzuwägen. Ich sehe, wie die Daumen der haltenden Händen feinst zärtlich über die Hand des Partners streicheln. Sie entschliessen sich, ins Wohnmobil zu gehen und ihre faszinierende Geschichte zu erzählen.

Sie haben sich mit 17 Jahren kennen gelernt. Sofort war das Feuer entfacht gewesen, sie fühlten sich wie Magnete zueinander hingezogen. Zur damaligen Zeit war jegliches Treffen unter jungen Leuten ohne Begleitung verboten und so haben gemeinsame Spaziergänge, Treffen, Gespräche, etc. immer in Anwesenheit einer Aufsichtsperson stattgefunden. Er konnte bereits Autofahren, so trafen sie sich 1 x heimlich, fuhren gemeinsam zum Picknick, führten Gesprächen, hielten endlich mal Händchen und küssten sich das erste Mal. Durch den gemeinsamen verbotenen Ausflug fühlten sie sich sehr verwegen. Sie verliebten sich unsterblich ineinander. Die Frau erzählte mit strahlenden Augen: "Er war mein mutiger Prinz in goldener Rüstung, der verwegene Ritter!" "Sie war das schönste, edelste Geschöpf, das ich tief begehrte!" war seine enthusiastische Äusserung. Sie entschlossen sich zu heiraten und gemäss Erziehung und moralischen Grundsätzen fand bis zur Heirat keinerlei sexuelle Annäherung zwischen den beiden statt. Ein flüchtiger, scheuer Kuss, ein "Händchenhalten" war alles, was sie in unbeobachteten Momenten wagten.

Die Hochzeit war ein rauschendes Fest. Für die Frau stand fest, dass die Hochzeitsnacht darin bestand, dass sie in Zukunft mit ihrem Prinzen in einem Bett schlafen würde, ihn endlich mit Erlaubnis der Gemeinde und Kirche küssen und halten dürfe. Er erzählte, dass er deutlich seine Triebe spürte und sich darauf freute, nun die Erlaubnis zu haben, mit ihr auch intimer zu werden. Beide waren komplett unerfahren. Er wartete aufgeregt im Schlafzimmer, sie kam nicht, denn sie feierte und plauderte bis in die Morgenstunden mit ihren Freundinnen. Als die Frau endlich das Schlafzimmer betrat, war die Stimmung des Mannes auf dem Tiefpunkt. Sie stritten sich das erste Mal, sie verstand seine Wut nicht, sie war so unwissend, dass sie keine Ahnung hatte, was an ihrem Fernbleiben so schlimm war. Die Hochzeitsnacht fand nicht statt.

Bei den weiteren Erzählungen erscheinen ihre tieftraurigen Gesichter auf dem Bildschirm. Sie erzählten abwechselnd, jeder aus seiner Sicht die weiteren Geschehnisse. Mir stockte der Atem.

Die Ehe wurde auch in sexueller Weise vollzogen. Die Frau war so bestürzt über das, was sie erlebte, dass sie nur noch weinte. Er sprach darüber, dass er sich nur noch schuldig fühlte. Darüber, dass seine Triebe dieses wunderschöne, edle Geschöpf beschmutzt und verletzt haben. Er schämte sich für sein Begehren, seine Frau auch sexuell zu wollen. Beide waren in ihrer Situation völlig hilflos. Bei den gelegentlichen sexuellen Vereinigungen wurden drei Kinder gezeugt. Sie liebte es, Mutter zu sein, als Ehefrau fühlte sie sich unzulänglich und komplett überfordert. Eine tiefe Schuld begleitete die Frau, dass sie ihrem geliebten Mann nicht das schenken konnte, was er begehrte. In dieser verfahrenen Situation vergingen Jahre, in denen ihre Liebe zueinander sich immer mehr vertiefte, die sexuelle Einigkeit blieb ihnen verschlossen.

Eines Tages trat die Frau zu ihrem Mann, nahm ihn in ihre Arme und sagte: "Ich liebe Dich so sehr, ich wünsche mir nichts sehnlicher, als Dir das zu schenken, was Du begehrst. Ich kann es einfach nicht, ich weiss nicht wie! Ich bin, mit jeder Faser, Deine liebende Frau, die Mutter Deiner Kinder, Dein bedingungsloser Rückhalt, aber leider nicht Deine Sexpartnerin! Die Nachbarin ist verwitwet und einsam, vielleicht findest Du bei ihr, was ich Dir nicht geben kann. Ich wünsche mir, Du holst Dir Deine Zufriedenheit, komme einfach immer wieder in unsere Familie zurück!" Der Mann erzählte, wie er aus allen Wolken gefallen sei. Was seine Frau da sagte, war so absurd und moralisch verwerflich. Seine Erziehung und sein Umfeld liessen es nicht zu, dass er sich sowas Sündiges getraute. Er blieb noch jahrelang standhaft den Konventionen und dem Eheversprechen treu und dadurch der zermürbte Ehemann.

Irgendwann nach fast 20 Jahren Ehe begegnete er einer Frau, die er sexuell hoch erregend fand. Er suchte wieder das Gespräch mit seiner Frau: "Was sagst Du, wenn ich auf Dein damaliges Angebot eingehen möchte? Ich würde gerne diese Frau besuchen und den Sex mit ihr teilen!" Sie stimmte sofort aufrichtig zu. Beide versprachen sich, dass bei allen Abenteuern, die Familie das Wichtigste bleibe und er immer zu ihr zurück kommen würde.

Der Mann erzählte mit einem wahnsinnigen Leuchten: "Das war eine unbeschreibliche Erfahrung für mich . Ich durfte das erste Mal eine Frau erleben, die mich als Mann begehrte, meine ganze Wildheit, Begierden und Lust wollte. Es war eine Offenbarung, eine Frau zu geniessen, die mich eroberte! Ich kehrte tief befriedigt zu meiner Frau und meiner grossen Liebe zurück." Die Ehefrau war so glücklich, als sie die Zufriedenheit in ihrem Mann fühlte. Sie erlebte, wie er nach diesem Erlebnis gelöst den Alltag meisterte und sie gemeinsam miteinander Arm in Arm einschlafen konnten, ohne dass ihnen unbefriedigte Begierden im den Weg kamen. Jahrzehnte lebte er sich als richtiger Gigolo ausserehelich mit diversen Lady's aus, genoss die Sexualität in vollen Zügen. Obwohl er immer offen kommunizierte, dass er seine Ehefrau niemals verlassen würde, verliebten sich etliche in ihn. Er kehrte unumstösslich zu seiner Familie zurück. Seine Frau war ebenfalls tief zufrieden, da sie das genoss, was ihr wichtig war: einen zuverlässigen Vater, einen emotional treuen Ehemann und eine für sie wichtige immense Zärtlichkeit.

Dann erkrankte der Mann an Diabetes und wurde impotent. Für ihn brach eine Welt zusammen, seine Sexualität war für immer versiegt. Er wurde depressiv, seine Frau stand ihm unumstösslich zur Seite. Eines Tages las der Mann über Tantra, Vereinigung ohne Erektion und den Kursen einer gewissen "Richardson". Monatelang versuchte er seine Frau dazu zu überreden, gemeinsam einen solchen Kurs zu besuchen. Sie wehrte vehement ab: "Ich bin mit dem Thema Sex definitiv durch, das Gestosse und Geruppe brauche ich nicht mehr!" Mit Engelszunge brachte er sie dazu, mitzukommen.

Auf dem Bildschirm sah ich strahlende Gesichter, als sie weiter erzählten:

Der Mann beschrieb folgendes: "Wir lernten uns zu berühren, Zeit zu lassen, loszulassen und genossen den Kurs mit allen Sinnen. Und dann..... schenkte ich meiner Frau mit hauchzartesten Berührungen ihren ersten Orgasmus, einen nicht enden wollenden ekstatischen Orgasmus. Ich zerfloss fast vor lauter Glücksseligkeit! Das war das Erlebnis meines Lebens!" Sie antwortete: "Mein Prinz machte mir dieses unglaubliche Geschenk zu einem so späten Zeitpunkt in meinem Leben. Ich fühlte mich das erste Mal vollkommen! Vollkommen als Frau und vollkommen in meiner Liebe zu meinem Mann!" Beide sahen sich am Schluss in tiefer Liebe an und erzählten, dass sie sich noch heute nach 65 Jahren Lebensweg auf diese berührende Weise beschenken.