Das Sterile der virtuellen Welt

Zurzeit ist die Distanz zu meinem Dom riesengross, sogar unüberwindbar. Im Frühling 2019 bestand durch seinen mehrmonatigen beruflichen Auslandeinsatz bereits eine ähnliche Situation. Damals hielten wir virtuell Kontakt und das Endresultat war eine Dom-Sub-Konstellation, wie wir sie beide nun mehrere Monate geniessen.

Im März 2020 steht von einem Tag zum anderen die Erde still, die Grenzen werden unüberwindbar geschlossen, plötzlich besteht die gelebte Swingerfreundschaft nur noch virtuell. Wir alle leiden unter den diktierten Umständen.

Cyber-Kontakt halten wir mit den befreundeten Paaren weiterhin. Die Möglichkeiten sind ja vielfältig. Der Draht zu den Tigern war vorher schon recht intensiv, das heisst: jeden Morgen begrüssen wir uns und die letzte Nachricht des Tages geht immer an meinen Dom. Kurz vor dem Zubettgehen wünsche ich "Gute Nacht" und sende ihm einen letzten lieben Gedanken. Reale Treffen bereichern uns intensiv. Seit vielen Wochen bleibt nur noch der virtuelle Weg. Einmal pro Woche skypen wir zu viert und versuchen ein bisschen die Stimmung und die Lust an interessanten Gesprächen herzustellen, die wir jedes Mal fühlen, wenn wir uns real begegnet sind. Na ja, skypen ist viel besser als nichts, aber mir fehlen die Energien, die Mimiken, die Gerüche und das allumfassende Wahrnehmen des Gegenübers. Das Sterile der Virtualität ist definitiv nicht meines.

Bei einem fast schon rituellen Abendgrüsschen an den Tiger entsteht ein spannender Austausch. Dieser wirft die Frage auf, wie die Sub ihren Dom anzusprechen hat, wie weit die Sprache das Spiel des Machtgefälles interessanter gestalten soll. "Mein Herr" oder Mister/Master wird so oft benutzt, dass es langweilig und hölzern auf uns beide wirkt. Der Tiger will an die Wurzeln unserer Dom-Sub-Konstellation anknüpfen. Die Symbiose ist entstanden, als er für viele Wochen beruflich in Mittelamerika weilte. Damals gab er mir den Subnamen "Malinzíta", ein Diminutiv von "Malinche", einer berühmt-berüchtigten Aztekenprinzessin, die als Kind an die Mayas als Sklavin verkauft, Jahre später vom spanischen Eroberer Cortes befreit wurde. Heute trägt ein mexikanischer Vulkan ihren Namen. Malinzita ist der Name meines zweiten "Ich"s, Malince der Name, den ich in der magischen Welt der Erotik trage!

Der Tiger entscheidet: Ab dem nächsten Spiel spricht die Sub ihren Dom mit "Mi Señor" an - für ein Ja antwortet sie mit "Si, Mi Señor!" - bedanken wird sich die Sub mit "Gracias, Mi Señor!" oder sogar "Muchas Gracias, Mi Señor!" - eine Bitte wird mit "Por Favor!" ausgesprochen. Der Tiger gibt mir noch einige wenige Sätze, die ich auswendig lernen sollte. Zum Beispiel "Ich gehorche!" "Yo obedezco!" Das ist zwar eine grosse Aufgabe mit Null-Spanischkenntnissen, aber ich mag den Klang dieser Sprache und wie "Mi Señor" die Worte benutzt. Es ehrt mich, ihn so ansprechen zu dürfen. Unser BDSM wird durch eine neue Spielform bereichert und ich als Sub habe reelle und vor allem anspruchsvolle Aufgaben zu lösen. Nun warten wir sehnsüchtig darauf, dass die Grenzen wieder öffnen und wir einander real begegnen können. Mi Señor fehlt mir so sehr!!

Leider gibt es keine "Selbstdeklarationen" für Polyamorie und Dom/Sub-Beziehungen, die zur Zeit einen Grenzübertritt ermöglichen. Für BDSM-Notstand habe ich auch nichts gefunden.