Das erste zaghafte Anklopfen an eine neue Welt

Ich bin fast 50 Jahre und führte bis anhin ein sehr zielorientiertes Leben. Sehr früh habe ich den erlernten Beruf an den Nagel gehängt und mein Hobby zu meinem Leben gemacht. Sehr viel Energie ging in diese zweite Karriere, in der Entwicklungszeit mussten viele Hürden genommen, viele Hindernisse aus dem Weg geschafft werden und stetig ging mein Weg Richtung Perfektion. Perfektion in dem, was ich beruflich erreichen wollte. Alles andere (vor allem das bewusste Frausein) hatte keinen Platz.

Meine sexuellen Erfahrungen bis zu diesem Zeitpunkt:

  • erster Kuss mit 14 Jahren mit einem Schulschätzli
  • erste Beziehung und erster Freund mit 16 Jahren, erste Mal Sex mit 17 (diese Erfahrung machte ich in dieser festen Beziehung und wir beide waren völlig unerfahren), als ich 20 wurde, ging diese Jugendliebe in die Brüche
  • ein kurzer ca. 4 Monate dauernder Versuch eines Neuanfangs mit einem komplett unpassenden Mann, den ich kurzerhand beendete
  • mit 21 lerne ich einen lieben Mann kennen, mit 22 heiratete ich diesen Mann, den Traumschwiegersohn meiner Mutter, und ein Gefühl für stetige Sicherheit. Für meinen Ehemann war ich seine erste, sexuelle Erfahrung, also ein bisschen Erfahrung traf auf männliche Jungfrau.
  • Mit 30 bemerke ich, dass der Preis für Sicherheit zu hoch ist, es kommt nach 10 Jahren Ehe zur definitiven Scheidung, die ich mir erkämpfen musste. Die Meinung von allen (Ehemann, Familie, Verwandte, Bekannte, Freunde) war: " Es sei doch alles soooo perfekt in meiner Ehe." Ja, da ist das berühmte "Perfekt", das mich sehr begleitet.
  • Mit 32 lernte ich meinen jetzigen Partner kennen, einen lebenshungrigen, leidenschaftlichen, phantasievollen und humorvollen Menschen, der viele in mir schlafende Eigenschaften wachrüttelt. Ich hatte das erste Mal das Gefühl, jaaaa ich lebe!!! Fast 20 Jahre sind wir nun glücklich zusammen.

So, das sind bis 49 Jahren meine einzigen Männer in meinem Leben. Niemals hat ein Flirten, Experimentieren, unbeschwertes Entdecken meiner ganz eigenen Sexualität, meines Frau-Seins stattgefunden. Alles, was ich bis jetzt erlebt habe, sind 4 feste Beziehungen. Ich werte es weder als gut, noch als schlecht, es ist halt so.

Nun schaue ich im Fernsehen einen Bericht über Swingerclubs. Ich sitze fassungslos vor dem Fernseher und lasse das Ganze auf mich wirken. Erstmal muss ich darüber schlafen, viel für mich selber verarbeiten, dann suche ich das Gespräch mit meinem Mann. Meine Neugierde ist bis auf's äusserte geweckt. "Gibt es sowas wirklich?? Eheleute, feste Beziehungen, die sich in der Sexualität so frei und hemmungslos ausleben? Das ist doch nicht machbar? Ich habe gelernt, dass, wenn man jemanden richtig liebt, der Mensch auch eifersüchtig sein müsse." Mein Mann antwortet mir: "Ja, das gibt es scheinbar tatsächlich! In meiner ersten Ehe wollten meine Exfrau und ich auch mal einen Swingerclub besuchen. Als wir dort angerufen und meine Behinderung erwähnt haben, wurde uns am Telefon erklärt, dass die Menschen in ihren Club kämen, um Spass zu haben und nicht, um mit sowas konfrontiert zu werden! Wir durften nicht gehen! Das ist jetzt aber fast 25 Jahre her!" Ich schaue ihn völlig geschockt an. Ok, Thema beendet. Das geht ja wohl gar nicht, ich will auf keinen Fall, dass mein geliebter Mann so behandelt wird.

Wochen gehen ins Land, der Alltag hat uns fest im Griff. Wieder stolpere ich per Zufall über einen Artikel zum Thema Clubbesuch. Da wird das Wort Toleranz ganz gross herausgehoben. Schon wieder wird meine Neugierde geweckt. Ich geh ins Internet und stöbere. Ohhh Mann, was ist denn das für eine riesige, mir völlig fremde Welt voller Geheimnisse. Beim Recherchieren merke ich, dass mich ganz klar die gehobeneren Club's anziehen. Ich finde es total verlockend, wenn die Herren in gepflegten Anzügen sich im Club bewegen, die Ladies in frivolen, hübschen Kleidchen und Highheels. Ohh ja, wenn schon, dann soll es was Edles sein. So gerne möchte ich einfach mal Mäuschen spielen, diese Welt sehen, die Menschen beobachten, die so frei mit ihrer Sexualität und der Erotik umgehen.

Wieder gehen Wochen ins Land und irgendwann nehme ich mutig das Telefon zur Hand und rufe in einem Club an. Mein Herz rast und pochert wie verrückt. Beinahe fällt mir das Gerät aus der Hand, als da tatsächlich jemand abnimmt. Eine sehr freundliche Lady gibt mir zu einigen Punkten Auskunft. Jetzt will ich es einfach wissen: "Dürfen behinderte Menschen Ihre Lokalitäten besuchen?" Die freundliche Stimme antwortet: "Selbstverständlich, jeder, der sich an den Dresscode und die Benimmregeln des Club's hält, hat Zutritt!"

Am Abend beichte ich meinem Mann, was ich getan habe. Er schaut mich sehr erstaunt an. Er sagt, das hätte er mir niemals zugetraut. Wauh, was habe er für eine taffe Frau geheiratet. Ich merke, auch ihn reizt die Geschichte. Ich informiere ihn, was ich alles recherchiert und rausgefunden habe, was mich anspricht, wo ich angerufen habe. UND DANN: Machen wir Nägel mit Köpfen und melden uns für eine Party in einem Swingerclub an, der in 6 Wochen stattfindet (wir müssen ja alles planen und auch im Geschäft abkömmlich sein)! Unser erster Clubbesuch kommt in greifbare Nähe!